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Alt 07.05.2010, 22:26
Benutzerbild von Brun
Brun Brun ist offline
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Registriert seit: 27.03.2010
Ort: Rostock
Beiträge: 9
Standard Ein aussichtsloser Kampf


Es ist Abend in Helland. Die Laternen vor der Taverne streuen die sich wiegenden Flammen durch die Gassen der Stadt. Man könnte meinen, die Sorgen legten sich sanft zur Ruh und ließen den Helländern Zeit eben dieses auch zu tun.
Ein hölzernes Knallen durchbricht die Stille. Die Türe der Taverne wird aufgestoßen. Im Lichte, welches kaum hinaus dringen kann, erkennt man die Silhouette eines hünenhaften Mannes – mehr als 2 Schritt groß. Auf den Gesichtern der Anwesenden zeichnet sich Grimm und Sorge, ja sogar Angst. Die Gestalt blickt mit verbitterter Miene durch das Gasthaus – seine Augen, wie aus Bernstein. Eine grobe, prankenhafte Hand gleitet gemächlich durch den dichten Bart. An den stammhaften Beinen glänzen aufgeschlagene Metallplatten auf bräunlich-ledernem Grund. Der muskulös-bärige Torso trägt ein geschundenes kurzärmeliges Hemd, welches eine von der Brust hochwandernde, bis zum Hals langgezogene Narbe, nicht zu verdecken vermag. Der Blick des Hünen ruht nun auf einem leeren, dunklen Tische, abseits des Geschehens. Kräftige, hallende Schritte lassen die Dielen in ächzenden Tönen knarren ehe sich der Riese auf die Bank niederlässt, welche ihr Missfallen ähnlich den Dielen äußert. Die entstandene Stille, leise nagend am Gemüt der Gäste und des Wirtes, wird ruckartig gebrochen durch eine tiefe grollende Stimme:
„Wirt! Met!“
Der Angesprochene fasst sich nervös an die Stirn und macht sich dann sofort daran, das Bestellte zu bringen. Der Gang des Wirtes schwankt von Eile zu Vorsicht und ist mal flink, mal zögernd. Am dunklen Tische kümmert das wohl nicht einmal den Holzwurm. Angekommen ergreift der Wirt behutsam die Worte, welche seinen sonst so gefestigten Mund holpernd und stolpernd verlassen:
„Das…äh…das sind 8 Pfennige...dann, bitte. Soll ich eine…Kerze…ähm…“
Ihn unterbrechend, wieder ein Knall – der Tisch wackelt als die schwere Hand das geprägte Metall auf das Holz schlägt. Hier und da sieht man ein verschrecktes Gesicht. Das raue, gezeichnete Antlitz des Hünenhaften allerdings wendet sich gemächlich dem Krug Met zu. Mit den beiden riesigen Händen führt er diesen zum bartumsäumten Munde, den gebrachten Becher dabei mit dem Ellenbogen umstoßend. Gewaltige Schlucke sind fast im ganzen Raume hörbar. Der Krug wird wieder laut abgesetzt – nur noch zur Hälfte ist er gefüllt. In diesem Moment geschieht etwas Seltsames. Das abendliche Gespräch in der Taverne setzt langsam wieder ein und nur noch eine Hand voll Personen blicken auf den großen Mann am dunklen Tisch, der grimmig in die Leere starrt. Es scheint alltäglich zu geschehen.

An einem anderen Tisch blicken zwei fassungslose Augen und eine tief zerfurchte Stirn zu genau jener Gestalt im Schatten. Es dauert ein wenig bis dieser junge Herr sein Gegenüber – einen alten gestandenen Manne – mit leiser Stimme fragt:

„Wer – bei den Vieren – ist dieser Hüne?“
Über das Gesicht des Gefragten huscht ein rasches Grinsen, welches aber auch bald wieder einer ernsten Miene weicht.
„Furchteinflößend, recht?“
„Fürwahr, er gleicht einem Fernenser, einem von diesen Wilden.“
Der Alte kneift angestrengt die Augen zusammen, scheinbar um sich zu erinnern. Nach einer kurzen Pause antwortet er:
„Nun, er wirkt so. Dennoch ist er hier in Helland vor der Stadtmauer unter einem Baum gefunden worden, er war noch ein Säugling – eingewickelt in dicke Fellhäute. Ganz ausschließen kann man die „ferne“ Herkunft aber nicht.“
Seine Lippen schmunzeln kurz über das Wortspiel und fahren dann fort:
„Darius Eisenholz, ein Söldner, den ich gut kannte, nahm ihn an sich und gab ihm den Namen Brun. Er sagte es waren die tiefbraunen Haare gewesen, die er schon als Kind besaß.“
Der junge Herr sitzt leicht gebannt da, wartend bis der alte Mann einen Schluck von dem Bier genommen hat.
„Also kannte er seine Eltern gar nicht!? Er hat demnach auch keinen Nachnamen…“, stellt der Bursche fest.
„Er hatte nur den Söldner. Er war sein einziges Vorbild in der Kindheit. Dieser lehrte seinem Schüler viel von seiner Weisheit im Kampfe. Brun trainierte oft und hart. Dann begann er immer größer zu werden, zu wachsen, über die Köpfe der gleichaltrigen Knaben weit hinaus. Wohl wurde er deshalb übermütiger und geriet mehr und mehr in Schlägereien, was ihm scheinbar sogar gefiel. Darius schien das nicht sonderbar zu finden...vielleicht war er sich nun sicher, dass sein Schützling von weiter her kam, als er bereits gereist war.“
Der Alte blickt bei diesen Worten wieder kurz hinüber zu dem Hünen. Falls dieser jenen Blick bemerkt, so nimmt er keinen Anteil.
Sich wieder dem jungen Manne zuwendend fährt er dann ruhig fort:

„So lernte er dann das Kämpfen mit verschiedenen Waffen, wovon ihm eine wohl am besten gefiel – eine große zweihändige Axt. Die Einwände des Söldners bezüglich des Vorteils eines Schildes prallten an ihm ab, wie ein stumpfer Pfeil an einem Mauerwall. Brun lebte schon immer in der Offensive, mit einem Schild verliere man bloß Zeit für den Angriff, so sagte er überschwänglich.“
„So sagt, alter Mann, absolvierte er dann auch den Wehrdienst an der Waffe, wenn er so fasziniert davon war?“, unterbricht ihn der Herr.
„Nun, wie man es nimmt.“, entgegnet der Ältere. „So wie Brun sich seinem einzigen Lehrmeister wiedersetzte, so tat er es ebenso im einmonatigen Dienste. Er überragte damals – Darius schätzte ihn auf 18 Jahr – die anderen Knaben und Mädchen, ja sogar seinen Kommandanten, um mehr als einen Kopf. Vielleicht war es deshalb so schwer sich jemandem den er nicht kannte und der kleiner war unterzuordnen.“
„Und so legte man die Lunte für das Pulverfass.“, wirft der Junge ein.
Der alte Mann zieht eine Braue hoch und schaut unfreiwillig wieder zu Brun in der verlassenen Ecke.
„Da packt ihr es beim Schopfe, Bursche. Niemand weiß wann jenes Feuer fängt. Sicher ist, dass die besagte Lunte…“, er macht eine Pause, „schon lang entzündet wurde.“
Der Bursche runzelt die Stirn.
„Was meint ihr damit?“
„Das will ich euch sagen.“, beginnt der Alte, „als Brun sein vermutlich zwanzigstes Lebensjahr erreichte, verschwand der Söldner spurlos. Der gerade erwachsen Gewordene war vollkommen niedergeschlagen. Erst hieß es, Darius habe vielleicht einen dringenden Auftrag bekommen. Später, als er nicht wiederkehrte, sprach man in den Gassen, dass der Söldner ihn vielleicht einer Prüfung unterziehe oder gar umgekommen sei.“
Er trinkt einen Schluck seines Bieres und wischt sich den Schaum von den zerfurchten Lippen.
„Und was denkt ihr, alter Mann?“
„Nun, Junge, ich kannte Darius. Er war nicht grausam, nein im Gegenteil, er kümmerte sich um ihn als wäre Brun sein eigen‘ Blut. Ich denke, der Söldner wusste wo er herstammt. Ich nehme an, er ging nach Fernen. Er sucht die Eltern, die Viere wissen, wo er nun ist. Dennoch bin ich fast sicher, er ist am Leben. Ein Söldner stirbt nicht so leicht, nicht so einer wie Darius Eisenholz.“
Der Zuhörer reibt sich fasziniert das Kinn und starrt verbildlichend aus dem Fenster. Nach vielen Sekunden schaut er dann zum Hünen hin. Dieser blickt mit zusammengezogenen Brauen in den noch zu einem Drittel vollen Krug Met und scheint vollkommen abwesend. Seine langen braunen Haare fallen erschöpft auf den Tisch.
„Er hasst ihn dafür.“, fährt der Alte unterdessen fort. „Man sieht es ihm an. Diesen Groll in den Augen, diese ungerichtete Kraft in den Bewegungen, sein verbitterter Mund, der nur das Nötigste spricht und die Miene – undurchdringlich wie Granit.“
„Eine traurige Geschichte…“, sagt der Bursche und ein leises Seufzen ist zu hören.
„Fürwahr, Junge, sein Leben ward von Beginn an eine Pein.“
„Und was macht er nun? Wovon lebt er?“
„Siehst du seine plattenbeschlagene Hose? Leichtes Leder, verstärkt durch solide Metallplatten – die Rüstung eines Söldners – wie sein Lehrmeister in früher Zeit. Seit 10 Jahren streift er angeblich immer wieder tagelang durch das Land, auf der Suche nach Aufträgen, Beute von zwielicht‘gen Geschöpfen oder einfach nur um seinen Gedanken zu entrinnen. Ich könnte schwören – bei den Vieren – er sucht den Kampf um zu vergessen. Doch kämpfen tut er dabei nur gegen seine Vergangenheit.
Verliert er, so wird er untergehen…gewinnen aber, das kann er nicht.“


In der dunklen Ecke rührt sich der gewaltige Leib. Brummend erhebt sich der Riese. Sein Blick, nun leicht erhellt vom Kerzenschein, scheint die Geschichte des alten Mannes abermals zu erzählen. Seine schweren Stiefel hallen dumpf auf dem Holz, als Brun Richtung Tavernentür stapft. Die glutrote Sphäre am abendlichen Firmament taucht langsam hinter das Land und der hünenhafte Mann scheint ihr zu folgen.
__________________
"Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?"

- George Bernard Shaw -
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